Wien: „Gemeindebau in der NS-Zeit“ - Neue Stadtrundgänge gegen das Vergessen
Kostenlose Touren von 31. August bis 5. September; erstmals auch durch Meidling – Anmeldung ab sofort
Ende August und Anfang September lädt Wiener Wohnen zu vier kostenlosen Stadtrundgängen durch ausgewählte Gemeindebauten ein. Die Touren führen durch die Leopoldstadt, die Josefstadt und Neubau, Meidling sowie die Donaustadt. An konkreten Orten machen sie die Schicksale vertriebener und verfolgter Gemeindebaubewohner*innen während der NS-Zeit sichtbar.
Die 2025 im Rahmen des Erinnerungsprojekts „Der Gemeindebau in der NS-Zeit“ gestarteten Rundgänge stießen auf außergewöhnlich großes Interesse: Rund 850 Wiener*innen nahmen im Vorjahr an den Touren teil. Nun wird das Vermittlungsangebot mit vier weiteren Terminen fortgesetzt. Erstmals führt ein Rundgang auch durch den 12. Bezirk.
„Die Gemeindebauten sind ein wichtiger Teil der Geschichte unserer Stadt – auch ihrer dunkelsten Kapitel. Die Rundgänge machen sichtbar, was Verfolgung und Entrechtung für konkrete Menschen und Familien bedeutet haben. Gerade an den Orten, an denen sie gelebt haben, wird Geschichte greifbar. Dieses Wissen zu bewahren und an kommende Generationen als Mahnung weiterzugeben, ist ein wichtiger Auftrag für Wien“, betont Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch.
Die Podcasterin und Buchautorin Evelyn Steinthaler führt die Teilnehmer*innen zu ausgewählten Wohnhausanlagen und erzählt von den Menschen, die dort lebten: von jüdischen Mieter*innen, die nach dem sogenannten „Anschluss“ aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, von Flucht und Deportation, aber auch von Widerstand im Gemeindebau, Austrofaschismus und dem Umgang mit „arisiertem“ jüdischem Eigentum nach 1945.
„Das große Interesse an den bisherigen Rundgängen zeigt, dass viele Wiener*innen mehr über die Geschichte ihres Grätzls und ihrer Gemeindebauten erfahren wollen. Mit den vier neuen Terminen führen wir dieses erfolgreiche Angebot fort und nehmen erstmals auch Meidling in das Programm auf. Ich lade alle Interessierten ein, mitzugehen und den Spuren der vertriebenen und verfolgten Bewohner*innen zu folgen“, so Wiener Wohnen-Interims-Direktorin Katharina Klement.
Rundgänge im Überblick
7. und 8. Bezirk: Erich Lessing, „arisiertes“ Eigentum und kommunaler Wohnbau in der NS-Zeit
Montag, 31. August 2026, 17 Uhr
Der Rundgang durch die Josefstadt und Neubau erzählt unter anderem vom jungen Erich Lessing und seiner Mutter Margit, die bis 1938 im Ludo-Hartmann-Hof lebten. Weitere Themen sind ein während der NS-Zeit errichteter Gemeindebau sowie der Umgang mit „arisiertem“ jüdischem Eigentum nach 1945.
Treffpunkt: Therese-Schlesinger-Hof, vor dem Eingang Schlösselgasse 14
22. Bezirk: Der Goethehof zwischen Austrofaschismus und NS-Terror
Mittwoch, 2. September 2026, 17 Uhr
Die Tour durch die Donaustadt führt unter anderem zum Goethehof, dessen Geschichte eng mit den Ereignissen des Austrofaschismus und des nationalsozialistischen Terrors verbunden ist. Erzählt wird auch von jüdischen Wiener*innen, die nach dem sogenannten „Anschluss“ aus den Gemeindebauten des Bezirks delogiert wurden.
Treffpunkt: Wohnhausanlage Meißnergasse 4–6, rechts vom Hofeingang
12. Bezirk – neu: Jüdisches Leben, Bürgerkrieg und Widerstand in Meidling
Freitag, 4. September 2026, 17 Uhr
Der erstmals angebotene Rundgang durch Meidling erinnert an die Schicksale jüdischer Gemeindebaubewohner*innen und an den Bildhauer Siegfried Charoux, dessen Schaffen mit einem Meidlinger Gemeindebau verbunden war. Weitere Stationen widmen sich dem Bürgerkrieg 1934 und dem Widerstandskämpfer Fritz Pollak.
Treffpunkt: vor dem Eingang der VHS Meidling, Längenfeldgasse 13–15, gegenüber dem Lorenshof
2. Bezirk: Delogierung, Widerstand, Emigration und Deportation
Samstag, 5. September 2026, 14 Uhr
Der Spaziergang durch die Leopoldstadt schildert die Delogierung jüdischer Wiener*innen aus Gemeindebauten und berichtet von der Emigration Stella Klein-Löws. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Deportationen vormaliger Bewohner*innen der Wiener Gemeindebauten.
Treffpunkt: Wohnhausanlage Obere Augartenstraße 12a, vor dem Grünstreifen
Teilnahme und Anmeldung
Die Rundgänge dauern jeweils rund eineinhalb bis zwei Stunden, sind kostenlos und auch für Teilnehmer*innen mit eingeschränkter Mobilität barrierefrei. Treffpunkt ist jeweils zehn Minuten vor Beginn. Die Führungen finden grundsätzlich bei jedem Wetter statt. Die Zahl der Teilnehmer*innen ist auf maximal 20 Personen pro Rundgang begrenzt.
Um Anmeldung spätestens eine Woche vor dem jeweiligen Termin wird ersucht:
- unter der Wiener Wohnen Service-Nummer 05 75 75 75
- per E-Mail an [email protected]
Weitere Informationen zu den Routen und zur Anmeldung finden sich unter:
https://nievergessen.wienerwohnen.at/stadtfuehrungen-2026-1
Hintergrund: „Der Gemeindebau in der NS-Zeit“
Mit Beschluss vom 14. Juni 1938 begann die nationalsozialistische Stadtverwaltung mit der systematischen Vertreibung jüdischer Mieter*innen aus den Wiener Gemeindebauten. Hinter den erhaltenen Akten und Delogierungsvermerken stehen die Schicksale von Menschen, die ihre Wohnungen und ihre Heimat verloren. Vielen gelang die Flucht nicht; sie wurden deportiert und ermordet.
Grundlage des Erinnerungsprojekts „Der Gemeindebau in der NS-Zeit“ ist eine umfassende Forschungsarbeit des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes im Auftrag von Wiener Wohnen. Die Studie wurde zwischen 2022 und 2025 durchgeführt. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung umfasst das Projekt Publikationen, Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen, digitale Vermittlungsangebote und geführte Stadtrundgänge.
Ausführliche Informationen sowie zahlreiche Lebensgeschichten verfolgter und vertriebener Gemeindebaumieter*innen sind unter nievergessen.wienerwohnen.at abrufbar.
Quelle: Stadt Wien
