Wien: Neue Studie - Bildung, Religion, psychosoziale Belastungen und digitale Radikalisierung verstärken antidemokratische, abwertende Haltungen

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Wien

09 Mai 18:00 2026 von Redaktion International Print This Article

Die vom zuständigen Stadtratsbüro für Bildung und Integration in Auftrag gegebene Wiener Studie zu Jugend und Integration unter mehr als 1.200 Jugendlichen aus zehn Herkunftsgruppen zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der jungen Wiener*innen demokratisch gefestigt und pluralitätsoffen ist.
Gleichzeitig identifiziert die Studie klare Risikokonstellationen, in denen autoritäre, abwertende und gewaltaffine Einstellungen häufiger auftreten. Entscheidend sind dabei nicht Herkunft oder Religion allein, sondern insbesondere auch das Zusammenspiel aus fehlender Bildung, schwacher sozialer Einbindung, autoritärer Sozialisation und digitaler Radikalisierung über soziale Medien.

Die Studie zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen Bildungsbenachteiligung, Religion, psychosozialer Belastung, autoritärer Sozialisation, Ausgrenzungserfahrungen, digitaler Radikalisierung und antidemokratischen, abwertenden Einstellungsmustern. Jugendliche, die gute Bildungs- und Sprachchancen erhalten, verlässliche Bezugspersonen erleben, soziale Anerkennung erfahren und sich Wien bzw. Österreich zugehörig fühlen, weisen signifikant geringere antidemokratische und abwertende Einstellungsmuster auf. Besonders auffällig sind die Ergebnisse unter muslimischen Jugendlichen. Mehr als die Hälfte stimmt zu, dass jede Muslimin in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen sollte. Für fast zwei Drittel ist es wichtig, islamische Vorschriften in allen Lebensbereichen streng einzuhalten. Und 43 Prozent vertreten ein Weltbild, in dem der Westen an den Problemen der islamischen Welt schuld sei.

„Abwertungen entstehen dort, wo Perspektiven fehlen. Vor allem die digitale Radikalisierung wird zu einem zunehmenden Problem. Demokratiefeindliche Haltung entscheidet sich nicht an der Herkunft oder am Religionsbekenntnis allein, sondern an Bildung, Sprache, Werteverständnis und Zugehörigkeit. Integration ist Arbeit, sie braucht Zeit, sie braucht Geduld und sie braucht auch Konsequenz“, betont Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling.

Ein besonders relevanter Befund betrifft die digitale Sozialisation: Jugendliche, die sich primär über soziale Medien religiös orientieren, zeigen signifikant häufiger autoritäre, homonegative und abwertende Einstellungen. Algorithmisch verstärkte polarisierende und fundamentalistische Inhalte können weltanschauliche Orientierungen erheblich beeinflussen und Radikalisierungsdynamiken verstärken. Junge Männer sind dabei eine zentrale Risikogruppe. Die Studie zeigt klar, wo die wirksamsten Hebel liegen. Bildung, Sprache, Zugehörigkeit und Anerkennung sind die zentralen Schutzfaktoren gegen autoritäre und antidemokratische Haltungen.

Studienleiter Kenan Güngör: „Herkunft oder Religion erklären problematische Einstellungen nicht monokausal. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Sozialisation, Bildung, psychosozialer Stabilität, Anerkennung, Zugehörigkeit und Mediennutzung. Wenn wir die Treiber und Schutzfaktoren kennen, wissen wir auch, wo wir wirksam ansetzen können."

Wien hat in den vergangenen Jahren konsequent dort investiert, wo die Studie einen signifikanten Hebel sieht. Mit dem Wiener Netzwerk Demokratiekultur und Prävention (WNED) wurde eine zentrale, behördenübergreifende Anlaufstelle geschaffen, die Expertise bündelt und gezielte Maßnahmen gegen Extremismus koordiniert. Durch die eingerichtete Fachstelle Demokratie, das Projekt Demokratieschulen sowie das Erfolgsprojekt ‚Respekt. Gemeinsam Stärker‘ an Wiener Mittelschulen fördern wir gezielt die Resilienz gegenüber antidemokratischen Tendenzen und fördern das respektvolle Miteinander.

„Genau hier müssen wir weitergehen. Deshalb braucht es einen verpflichtenden Demokratie- und Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler", so Emmerling abschließend.

Die Studie ist abrufbar unter https://www.data.gv.at/datasets/38fed360-2d4d-44ba-ab07-aae8f076b7d5?locale=de


Quelle: Stadt Wien



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