Wie digital ist Österreich wirklich?

vonRedaktion International
APRIL 14, 2026

Symbolbild

Erstaunliche 4,8 Millionen Menschen in Österreich haben bereits eine ID Austria, allein seit Sommer 2025 kamen 900.000 dazu, mehr als Graz EinwohnerInnen zählt. Der digitale Führerschein hat die Millionenmarke geknackt, der digitale Zulassungsschein ist auch nicht mehr weit davon entfernt.

Ab dem Sommersemester 2026 soll es dann auch einen digitalen Studierendenausweis geben. Österreich klingt ganz nach einem Digital-Rockstar. Bei genauerem Hinsehen ist das Bild allerdings zwiegespalten: KI-Nutzung in Betrieben hat sich verdoppelt, die KI-Reife ist aber unter dem EU-Schnitt. Jeder siebte Cyberangriff ist erfolgreich. Ein Drittel der Bevölkerung hat laut Bundeskanzleramt nicht die notwendigen digitalen Grundkompetenzen.

4,8 Millionen mit digitaler Identität und eine europaweite Deadline

Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) hat im Dezember 2025 folgendes Ziel ausgegeben: Bis 2030 solle jede in Österreich lebende Person eine ID Austria haben. Mehr als die Hälfte des Weges sei man schon gegangen. Die ID Austria wird künftig auch der digitale Ausweis für die gesamte EU sein, die sogenannte EUDI-Wallet. Bis Ende 2026 muss jeder EU-Mitgliedstaat eine solche Wallet bereitstellen, so verlangt es die novellierte eIDAS-2.0-Verordnung. Nur knapp ein Dutzend Staaten dürften diese Frist schaffen. Österreich sei eines davon, meint A-Trust, der heimische Vertrauensdiensteanbieter. Die vorhandenen eAusweise-App und die ID Austria sollen dann ebenso in die EU-Wallet übergehen.

Das Bundeskanzleramt spricht von einer Vorreiterrolle. Was dabei gern unerwähnt bleibt: Drei Viertel der Bevölkerung wissen laut Digital Austria wenig bis gar nichts über künstliche Intelligenz. Die Infrastruktur steht, das Verständnis für das, was darauf aufbaut, fehlt bei vielen.

KI-Nutzung verdoppelt, KI-Reife unter dem EU-Schnitt

Die Zahlen von Statistik Austria lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend. 2023 setzten 11 Prozent der österreichischen Unternehmen auf KI-Technologien, 2024 waren es bereits 20 Prozent. Tobias Thomas, fachstatistischer Generaldirektor von Statistik Austria, sprach von einer starken Entwicklung. Die KMU-Erhebung 2025 weist mittlerweile 29 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen mit KI-Nutzung aus, damit übertrifft Österreich den EU-Schnitt von 19 Prozent.

Dann kam McKinsey. Die Studie „State of AI in Austria 2025" befragte über 60 heimische Betriebe und maß deren KI-Reife anhand des sogenannten AI-Quotienten. Österreich erreichte 30 Punkte. Der EU-Durchschnitt liegt bei 34, der globale bei 36. 68 Prozent der untersuchten Unternehmen landeten in den unteren 40 Prozent der weltweiten Wertung. Martin Wrulich, Managing Partner bei McKinsey Wien, erklärte, bei Plattformarchitektur und Datensicherheit seien österreichische Betriebe bereits gut aufgestellt. Bei der Integration von KI-Modellen und im Bereich Governance müsse noch einiges passieren.

Der Widerspruch ist greifbar. Viele Betriebe haben ChatGPT ausprobiert oder nutzen KI-gestützte Textverarbeitung. Strategisch verankert ist das bei den wenigsten. 56 Prozent der Betriebe mit 10 bis 19 Beschäftigten besitzen keine Digitalstrategie, wie die Drei-Digitalisierungsstudie 2025 ergab. Drei Viertel der KI-nutzenden Unternehmen haben keinen Plan, wie sie KI skalieren wollen. Karim Taga, Managing Partner von Arthur D. Little Austria, formulierte es so: Für den erfolgreichen Einsatz von KI sei es noch lange nicht zu spät, doch zuerst müssten Bund und Behörden ihre Hausaufgaben machen.

Auch bei Cloud-Diensten und Datenanalyse hakt es. 40 Prozent der österreichischen KMU nutzen Cloud-Services, im EU-Schnitt sind es 46 Prozent. Bei Data Analytics klafft die Lücke noch weiter: 25 Prozent gegenüber 39 Prozent in der EU. Wer KI ohne belastbare Dateninfrastruktur betreibt, experimentiert. Er transformiert nicht.

98 Prozent zahlen bargeldlos, das Smartphone holt auf

Mobile Zahlungen verändern nicht nur den Einzelhandel. Vom Streaming-Abo über Buchungsportale bis hin zu Gaming-Plattformen profitieren digitale Freizeit- und Unterhaltungsangebote von der wachsenden Akzeptanz mobiler Bezahlwege. Im iGaming zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. Nutzer erwarten heute nicht nur ein breites digitales Angebot, sondern auch reibungslose Zahlungen, sofortige Verifizierung und eine sichere mobile Nutzung. Wo früher Registrierungen, Auszahlungsprozesse oder Gerätekompatibilität Hürden darstellten, zählt inzwischen vor allem die nahtlose User Experience für die neusten Online Casinos. Dasselbe gilt auch für andere digitale Branchen, vom E-Commerce bis zum E-Government.

Eine Gallup-Studie im Auftrag von Mastercard, durchgeführt im Winter 2025/26, liefert ein anderes Bild. 98 Prozent der ÖsterreicherInnen nutzen bargeldlose Bezahlmöglichkeiten. 36 Prozent zahlen kontaktlos mit dem Smartphone, ein Anstieg von 31 Prozent im Jahr 2024 auf 34 Prozent 2025 und jetzt 36 Prozent. Das Wachstum verläuft stetig. 61 Prozent der 18- bis 30-Jährigen bewerten Kartenzahlung als „sehr positiv".

Statista prognostiziert für den österreichischen Markt bei Mobile POS Payments ein jährliches Wachstum von knapp 16 Prozent bis 2028. Für die Anbieter ist die Smartphone-Zahlung längst kein Zusatzkanal mehr, sondern das Fundament ihres Geschäftsmodells.

Jeder siebte Cyberangriff trifft

Die KPMG-Studie „Cybersecurity in Österreich 2025", erstellt gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Sicheres Österreich, befragte 1.391 Unternehmen. 14 Prozent aller Cyberangriffe auf österreichische Betriebe waren erfolgreich. 28 Prozent der Attacken gingen auf staatlich unterstützte Akteure zurück. Bei 32 Prozent der Unternehmen hatten Angriffe auf Lieferanten oder Dienstleister spürbare Auswirkungen auf den eigenen Betrieb.

Jeder zehnte Social-Engineering-Versuch nutzt inzwischen Deepfakes. Und KI als Abwehrwaffe? Lediglich 17 Prozent der Befragten gaben an, KI habe ihre Cybersicherheit verbessert. 55 Prozent halten Österreich für schlecht vorbereitet auf schwerwiegende Angriffe gegen kritische Infrastruktur.

38.600 fehlende Fachkräfte bis 2030

Die digitale Kluft schrumpft, langsam. 75 Prozent der 65- bis 84-Jährigen nutzen mittlerweile das Internet, 2023 waren es noch 69 Prozent. Bei Frauen stieg der Anteil von 62 auf 72 Prozent. Der Abstand zu den 16- bis 64-Jährigen, von denen über 95 Prozent online sind, bleibt aber erheblich. Und er hängt stark am Bildungsgrad: Mit Hochschulabschluss sind 96 Prozent der über 65-Jährigen im Netz. Mit Pflichtschulabschluss nur 58 Prozent.

Am anderen Ende der Skala fehlt es an Spezialisten. Bis 2030 rechnet das Bundeskanzleramt mit einem zusätzlichen Bedarf von 38.600 IKT-Fachkräften. Schon jetzt hatten laut Statistik Austria 67 Prozent der Unternehmen, die IKT-Personal suchten, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Zu wenige Bewerbungen, zu hohe Gehaltsvorstellungen, zu geringe Qualifikationen.

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