vonOTS
FEBRUAR 13, 2026
Foto: BIG / Luiza Puiu
Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) lässt ausgewählte Liegenschaften auf ihre Rolle während des NS-Regimes untersuchen – die Ergebnisse der Pilotstudie liegen jetzt vor
Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der NS-Vergangenheit ist in Österreich inzwischen Teil des öffentlichen Diskurses, auch was die Gebäude und Infrastrukturen betrifft, in denen Verbrechen stattgefunden haben. Das trifft zumindest auf bekannte Orte des Grauens wie die Konzentrationslager in Mauthausen oder Gusen oder das Hotel Métropole am Wiener Morzinplatz zu.
Weniger im Fokus stehen vielleicht unauffällige Amtsgebäude, die vielfach heute noch als solche genutzt werden, beispielsweise als Bezirksgerichte oder Polizeistationen. Dabei haben auch sie eine zentrale Rolle bei der Ausübung von Terror, Gewalt, Ermordung und Unterdrückung gespielt. Diese Gebäude befinden sich nicht nur in Wien, viele sind direkt mit der Zeitgeschichte der heimischen Bezirkshauptstädte verbunden.
"Genau hier setzt unser Forschungsprojekt 'Kontaminiertes Erbe?' an, denn im Eigentum der BIG stehen zahlreiche dieser Amtsgebäude", erklärt BIG Geschäftsführerin Christine Dornaus.
Und weiter: "Was dort passiert ist und vor allem, was dort mit den Menschen passiert ist, rollen wir jetzt mit wissenschaftlicher Begleitung des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung auf. Als BIG übernehmen wir umfassende Verantwortung für unsere Häuser und dazu zählt auch die gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen."
BIG Geschäftsführer Gerald Beck: "Die BIG hat aktuell über 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sie alle sind auf irgendeine Art mit 'ihren' Häusern verbunden; viele haben ihren Arbeitsplatz sogar direkt in dem Haus, das sie betreuen. Umso wichtiger ist es, dass auch unsere Kolleginnen und Kollegen die Geschichte der Gebäude kennen und sie erzählen können. Sie sind ein wesentlicher Teil beim Vorhaben, dem wir uns 2026 widmen, nämlich der Vermittlung der Geschichte unserer Gebäude."
Danielle Spera, Expertin für jüdische Geschichte, hat die Bundesimmobiliengesellschaft von Anfang an bei ihren Vorhaben begleitet und der Dringlichkeit der Aufarbeitung Nachdruck verliehen: "Wir stehen an einem historischen Wendepunkt: Mit den letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gehen auch persönliche Erinnerungen verloren und Warnzeichen verblassen. Gleichzeitig erleben wir eine politische Gegenwart, in der nationalistische Stimmen wieder lauter werden. Umso wichtiger ist es, die Lebensläufe von Menschen aufzuarbeiten und zu erzählen, um sie nachspüren zu können. Diese sind vielfach auch mit den Gebäuden verbunden, die – freiwillige und unfreiwillige – Stationen auf ihrem Lebensweg waren. So wird Geschichte lebendig und wir erzeugen Achtsamkeit. Der Beitrag, den die BIG jetzt dazu leistet, ist mir ein persönliches Anliegen."
Spera ist auch Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, der das Forschungsprojekt begleitet.
Umgesetzt hat das Pilotprojekt das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, das sich bei einer Ausschreibung als bester Partner herauskristallisiert hat. Dornaus: "Das Ludwig Boltzmann Institut konnte exzellente Forschungsergebnisse vorweisen und passende Referenzprojekte vorlegen. Wirklich entscheidend war aber die Erfahrung des Instituts mit Auftraggebern, die, wie wir, selbst keine Wissenschaftlerinnen oder Zeithistoriker sind."
Um einen pragmatischen Einstieg in die Thematik zu schaffen, wurde zunächst eine Pilotstudie konzipiert, die ein Sample von 74 Gebäuden umfasst. Im Zuge der Pilotstudie wurden einen eine Systematik und ein Kriterienkatalog erarbeitet, die eine schnelle Einordnung der Gebäude ermöglichen.
Die Gebäude mussten vor 1945 errichtet worden sein, eine Mindestgröße von 500 m² haben (bessere Quellenlage als bei kleineren Gebäuden wird vermutet) und es mussten zumindest Verdachtsmomente auf NS-Nutzung bestehen, wovon bei Amtsgebäuden ausgegangen werden kann.
Der Kriterienkatalog umfasst folgende Fragen:
Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Graz, hat das Pilotprojet verantwortet: "Der Kriterienkatalog ist auch für die Fachwelt neu. Er bildet die Grundlage für den historischen Geigerzähler, den wir an die einzelnen Liegenschaften halten, um zu sehen, kommt es zu einem Klicken oder Knacken im übertragenen Sinn, d.h. liegt eine Kontamination vor. Von den 74 ausgewählten Gebäuden sind zwei nach derzeitigem Erkenntnisstand nicht belastet. Dies war überraschend, da wir bei allen Objekten mit einer Kontaminierung gerechnet haben."
Und weiter: "Bei vielen der Themen beleuchten wir große Lücken in der österreichischen Zeitgeschichteforschung, etwa bei den Bezirksgerichten – wie in Deutschlandsberg – oder auch bei Institutionen wie der Mercurbank in der Wollzeile 1-3. Hier wird Pionierarbeit geleistet. Zugleich sind diese Gebäude Seismographen des gesellschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit. Auf den ersten Blick sind die Spuren aus der NS-Zeit unsichtbar. Wir haben aber hinter die Fassaden geblickt und zu jedem einzelnen Objekt hochinteressante Unterlagen gefunden. Ich freue mich sehr, dass diese Forschungen von der BIG ermöglicht wurden und dass wir nun in die Phase der Vermittlung kommen.“
Die Geschichten zu den untersuchten Häusern liegen jetzt vor, sie werden sukzessive mittels Online-Landkarte verfügbar gemacht.
Beck: "Unser Projekt ist keines für die Schublade – wir wollen die Menschen erreichen, die in unseren Gebäuden arbeiten oder beispielsweise Amtswege erledigen. In der Vermittlung dieses Wissens werden uns Danielle Spera und das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung auch 2026 begleiten. Gemeinsam werden wir uns ansehen, wie unsere Botschaften am besten bei den Empfängerinnen und Empfängern ankommen."
Folgende digitale und analoge Maßnahmen sind, abseits der Bespielung klassischer Corporate Kanäle, geplant:
Die Vermittlung soll langfristig zur Erinnerungskultur beitragen.
Link zur Online-Landkarte (in Arbeit):
https://kontaminiertes-erbe-bik.lbg.ac.at/
Quelle: OTS