vonOTS
AUGUST 29, 2026
Foto: Alpenverein Salzburg
In der Venedigergruppe ist eine Erhebung nach dem Kartographen und Glaziologen benannt. Aufgrund seiner nationalsozialistischen Biografie wurde das Gipfelschild nun entfernt
Hoch über dem Obersulzbachtal in der Venedigergruppe liegt eine Graterhebung, die seit 1988 als „Pillewizer“ bezeichnet wird. Am Freitag, den 28. August 2026, wurde das Gipfelschild im Rahmen einer vom Alpenverein Salzburg organisierten Veranstaltung offiziell entfernt. „Manchmal erzählt ein kleines Gipfelschild eine erstaunlich große Geschichte. Indem wir das Schild abnehmen, distanziert sich der Alpenverein von einer personenbezogenen Ehrung, die nicht mit unserer Haltung für eine offene, inklusive Gesellschaft übereinstimmt“, betont Gerd Frühwirth, Vorsitzender der Alpenvereinssektion Salzburg.
Enge Verbindung mit Alpenverein
Wolfgang Pillewizer war seit seiner Studienzeit in Graz Mitglied des Alpenvereins. Bereits 1936 arbeitete er in der Alpenvereinskartographie mit. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit Hochgebirgskartographie und Gletscherforschung führte ihn auch in die Venedigergruppe. Lange wurde Pillewizer vor allem als bedeutender Geograph, Kartograph und Gletscherforscher gewürdigt. Seine Vergangenheit im Nationalsozialismus blieb dabei unbeleuchtet.
Als eine bisher unbenannte Erhebung in den Hohen Tauern 1988 seinen Namen erhielt, trugen Bergsteiger Steine auf den Gipfel, um so die 3000-Meter-Marke zu erreichen. Nach Recherchen von Nicole Slupetzky, Historikerin und Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins, wurde die Benennung schon damals kontrovers diskutiert. Die Salzburger Ortsnamenkommission, in der auch der Alpenverein vertreten war, äußerte sich kritisch, ließ die Benennung aber schließlich doch zu.
Gipfel ohne Namen
Die Kürsinger-Hütte, die höchstgelegene Schutzhütte des Alpenverein Salzburg, führte den „Pillewizer“ lange Zeit als Tourenziel an, ab nun ist das Ziel ein Gipfel ohne Namen. Die künstliche Aufschichtung der Steine am höchsten Punkt wurde bei der Begehung symbolisch entfernt: „Ein Berg muss weder größer gemacht noch mit einem großen Namen versehen werden, um Bedeutung zu haben. Sein Wert liegt nicht in einer runden Zahl oder in einer Gedenktafel, sondern in seiner Natur, seiner Geschichte und in unserer Begegnung mit ihm“, sagt Nicole Slupetzky.
Von der Dr.-Heinrich-Hackel-Hütte zur Sölden-Hütte
Dass der Alpenverein historisch belastete Ehrungen neu bewertet, zeigte sich zuletzt auch im Tennengebirge. Der Alpenverein Salzburg beschloss im Frühjahr 2025 einstimmig, die bisherige Dr.-Heinrich-Hackel-Hütte wieder Sölden-Hütte zu nennen – so hieß sie bereits bei ihrer Eröffnung 1913. Heinrich Hackels antisemitische Haltung und seine Rolle in den Konflikten um die jüdisch-liberale Alpenvereinssektion Donauland hatten zu einer Neubewertung seiner Ehrung geführt.
Mit der Entfernung des Pillewizer-Gipfelschildes setzt der Alpenverein einen weiteren Schritt in der Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Bezeichnung wird in den eigenen Touren- und Informationsangeboten überprüft und entsprechend angepasst.
Über die amtliche Führung geografischer Namen entscheidet der Alpenverein jedoch nicht allein. Deshalb wird mit den zuständigen Stellen geklärt, welche Schritte erforderlich sind, damit die Erhebung auch in Karten und geografischen Datenbeständen künftig wieder ohne den Personennamen geführt werden kann. Nicht verschwinden soll allerdings die Erinnerung, denn, so Slupetzky, nur mit einem kritischen Blick auf die Schattenseiten der eigenen Geschichte, könne Ähnliches in Zukunft verhindert werden.
Quelle: OTS