vonRedaktion International
MAI 31, 2026
Copyright: Land Tirol/Christanell
Copyright: Land Tirol/Christanell
ForscherInnen des Justman-Projekts beleuchten am 11. Juni erstmals die polnische NS-Widerstandsbewegung im Innsbrucker Untergrund
Mitten in Innsbruck formierte sich zur Zeit des Nationalsozialismus vereinzelt Widerstand – darunter eine Gruppe junger Männer und Frauen aus Polen. Das Schicksal dieser WiderstandskämpferInnen ist eng mit der Geschichte von Leokadia Justman verwoben. Dieser Verbindung gehen ForscherInnen des Justman-Projekts am 11. Juni um 19 Uhr auf die Spur: Im historischen Festsaal des Landhauses zeigen sie, wer den Widerstand im Innsbrucker Untergrund organisierte, wie Leokadia und ihre Weggefährten mit der Gruppe in Kontakt kamen und wer sie schließlich bei der Gestapo auffliegen ließ. Zudem laden die Ausstellungskuratoren am 24. Juni zu einer vertiefenden Führung im Landhaus ein.
Kulturreferent LH Anton Mattle betont die Wichtigkeit, sich wissenschaftlich mit den Verfolgten auseinanderzusetzen: „Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus und Extremismus wieder erstarken, müssen uns persönliche Geschichten die Vergangenheit zugänglich machen. Leokadia Justman und die Mitglieder der polnischen Widerstandsgruppe haben gezeigt, wie wichtig Zivilcourage und Menschlichkeit damals waren – und heute noch sind.“ Gleichzeitig appelliert LH Mattle an die TirolerInnen, die letzte Begleitveranstaltung vor der Sommerpause zu besuchen: „Das Rahmenprogramm zu ‚Tirol erinnert‘ ist eine Begegnung mit der Geschichte, die berührt und zum Nachdenken anregt. Wer Leokadias Geschichte oder ihre Gedichte liest, versteht, warum wir in der Erinnerungsarbeit nie müde werden dürfen.“
Neue Forschungsergebnisse: Die Polnische Widerstandsgruppe in Innsbruck
Im Mittelpunkt der Diskussionsrunde am 11. Juni steht die polnische Widerstandsgruppe rund um die Brüder Marian und Stefan Kudera, die Medizin und Pharmazie in Innsbruck studierten. Ab 1943 begannen sie, gegen das NS-Regime vorzugehen: Gemeinsam mit polnischen ZwangsarbeiterInnen und ansässigen InnsbruckerInnen organisierten sie aktiven Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Nachdem ein Spitzel die Gruppe an die Gestapo verraten hatte, wurden die Brüder Kudera im Februar 1944 in der Herrengasse brutal gefoltert, um ihnen ein „Geständnis“ zu entlocken. Nach ihrer Deportation wurden sie am 19. Juli 1944 im KZ Dachau ermordet. In Dokumenten der Justizanstalt Innsbruck konnten jetzt weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe identifiziert werden.
Die Veranstaltung im Festsaal des Landhauses bringt Forschende des Justman-Projekts mit Nachkommen von Überlebenden aus der Widerstandsgruppe zusammen. Musikalische Beiträge am Klavier werden von David Kami?ski zu hören sein – Sohn des Holocaust-Überlebenden Adam Kami?ski, der mit Leokadia Justman nach Innsbruck kam, sich an der polnischen Widerstandsgruppe beteiligte und die Konzentrationslager Auschwitz und Gusen überlebte. Ergänzend präsentieren die ForscherInnen Ausschnitte und Forschungsergebnisse aus Oral-History-Interviews. Grußworte spendet Ehrengast Adam Zarzycki, stellvertretender Direktor des Polnischen Instituts Wien. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Festsaal des Landhauses; Anmeldungen sind bis 9. Juni unter tirol.gv.at/PolnischeWiderstandsgruppe möglich.
Kuratorenführung: Gedichte aus dem Polizeigefängnis
Einen vertiefenden Einblick in Leokadias Geschichte bietet eine exklusive Führung am 24. Juni (17 Uhr): Kurator Dominik Markl begleitet die BesucherInnen durch die Ausstellung, wo auch Ausschnitte aus der Graphic Novel „Lodzia & Marysia“ zu sehen sind. Der junge Tiroler Illustrator Alwin Hecher hat in seinem Comicroman eine eigene Bildsprache gefunden, um Leokadias Flucht und die Gräueltaten der NS-Verfolgung zu visualisieren. Besonderes Augenmerk gilt bei der Führung auch den Gedichten und Gebeten Leokadias, die sie ab 1944 – teilweise während ihrer Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis – verfasste. Im historischen Festsaal des Landhauses, dem früheren Sitzungssaal der NS-Gauleitung, sind 15 Gedichte heute erstmals öffentlich zu sehen. „Ursprünglich schrieb Leokadia ihre Gedichte an die Wand ihrer Gefängniszelle. Da dies verboten war, gab ihr der damalige Gefängnisdirektor Wolfgang Neuschmid, der später von Yad Vashem als ‚Gerechter unter den Völkern‘ anerkannt wurde, heimlich ein Notizheft, um ihre Texte aufzuschreiben. Er habe selbst eine Schwäche für Poesie, habe der Direktor gemeint, und er würde gern mehr von Leokadia lesen“, verrät Kurator Markl erste Details zur Entstehungsgeschichte der Gedichte. Diese wurden erst vor wenigen Monaten in Archiven in Washington D. C. und New York entdeckt.
Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus!“
Die Ausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ ergänzt als Sonderpräsentation die Rahmenausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus. Ein Tiroler NS-Bau und seine Geschichte“ und ist von Montag bis Freitag (9 bis 17 Uhr) im Landhaus 1 zu sehen. Die selbstverfassten Gedichte von Leokadia Justman können jeweils freitags (12 bis 17 Uhr) ebenfalls im Landhaus 1 (Festsaal) besichtigt werden (Ausnahmen: 19. Juni, 26. Juni, 18. September, 13. November, 20. November 2026).
Das Projekt ist eine Kooperation des Landes Tirol mit der Universität Innsbruck und dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck, der Pädagogischen Hochschule Tirol, dem Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, dem Programm ERINNERN:AT des OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) zum Lehren und Lernen über Nationalsozialismus und Holocaust sowie dem Verein Wissenschaft und Verantwortlichkeit. Alle Veranstaltungen zum Thema „Tirol erinnert“ sind unter tirol.gv.at/erinnern zu finden – dort steht auch der virtuelle 360°-Rundgang der Ausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus“ zur Verfügung.
Quelle: Land Tirol