vonRedaktion International
MÄRZ 13, 2026
Foto: Stadt Graz/Fischer
Stadt und Hilfsorganisationen fordern strukturelle Lösung durch Bund
Die Stadt Graz sowie die Hilfsorganisationen Caritas und VinziWerke schlagen Alarm: Die vorhandenen Notquartiere für aus der Ukraine vertriebene Menschen sind vollständig ausgelastet. Ohne eine rasche Lösung auf Bundesebene droht eine Situation, in der neu ankommende Familien künftig nicht mehr untergebracht werden können.
Das zentrale Problem liegt in der Zeitspanne zwischen der Ankunft der Vertriebenen in Österreich und ihrer Aufnahme in die Grundversorgung. Dieser Zeitraum dauert in der Regel ein bis vier Wochen. Anders als Asylwerber haben Vertriebene in dieser Phase keinen Anspruch auf sofortige Unterbringung. Während in den vergangenen Monaten Notquartiere in den Bundesländern schrittweise geschlossen wurden - seit Anfang März auch in Wien - trägt Graz derzeit die Hauptlast der Erstversorgung. Teilweise wurden sogar Vertriebene aus anderen Bundesländern, etwa aus Salzburg, nach Graz geschickt.
„Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem unsere Kapazitäten erschöpft sind. Als Stadt sind wir in Vorlage getreten. Doch jetzt müssen wir die Notbremse ziehen. Es kann aber nicht sein, dass Frauen mit Kindern auf der Straße schlafen müssen. Das Flüchtlingswesen ist Bundekompetenz. Die Stadt Graz und die Trägerorganisationen werden hier allein gelassen - es braucht dringend eine strukturelle, bundesweite Lösung", fordert Bürgermeisterin Elke Kahr.
Im Sozialamt sind die Kapazitätsgrenzen längst erreicht. „Gemeinsam mit Caritas und VinziWerken konnten wir bis Ende April rund 30 Plätze für Notunterkünfte bereitstellen. Die vorhandenen Plätze bei Vinzi, A&O, im Wohnhaus für Frauen und im Haus Franziska sind massiv überbelegt, zuletzt mit Spitzen von bis zu 94 Personen, derzeit sind es 57. Ab Mai sehen wir keine Möglichkeit, weitere Neuankömmlinge in Graz aufzunehmen", so Sozialamtsleiterin Andrea Fink.
Für die Mitarbeiter:innen der Einrichtungen und des Sozialamtes ist die Situation auch emotional belastend. Besonders die große Zahl an betroffenen Kindern stellt das Personal täglich vor schwierige Situationen.
Gemeinsam mit den Trägervereinen hat die Stadt Graz in den vergangenen Jahren eine wichtige Versorgungslücke geschlossen. Besonders vulnerable Menschen - etwa Frauen mit mehreren Kindern, Schwangere oder Familien mit Kleinkindern - konnten in Notquartieren untergebracht werden. Allein im vergangenen Jahr wurden durch die VinziWerke 365 Vertriebene aus der Ukraine untergebracht, darunter 221 Kinder. Insgesamt wurden mehr als 5.000 Nächtigungen verzeichnet, gemeinsam mit den anderen Hilfsorganisationen waren es rund 10.000 Nächtigungen.
Eine zentrale Rolle spielte dabei das Übergangsquartier im VinziNest. Während der Generalsanierung standen dort zusätzliche Räume für Familien in akuten Notsituationen zur Verfügung. Mit Abschluss der Bauarbeiten im April fällt diese Möglichkeit jedoch weg.
„Wir haben im vergangenen Jahr unser Bestes getan, um allen Hilfesuchenden ein Bett und eine Mahlzeit anbieten zu können. Dennoch stehen wir immer wieder vor der Situation, dass Familien mitten in der Nacht, teils mit Säuglingen im Arm, vor unserer Tür stehen und wir sie mangels Platz abweisen müssen. Mit Abschluss der VinziNest-Sanierung im April können wir dieses Angebot jedoch nicht mehr aufrechterhalten, da die räumlichen Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind. Selbstverständlich helfen wir weiterhin im Rahmen unseres Angebots: Mit Notschlafstellen-Plätzen für erwachsene Männer und Frauen - unabhängig der Herkunft und Aufenthaltsstatus", so Nicola Baloch, Geschäftsführerin der VinziWerke.
Für die Stadt Graz und die Hilfsorganisationen ist klar, dass die aktuelle Situation nicht länger auf kommunaler Ebene gelöst werden kann.
Auch aus Sicht der Caritas zeigt sich, dass punktuelle Maßnahmen nicht mehr ausreichen. „Wenn Behörden, Politik und Hilfsorganisationen gemeinsam Alarm schlagen, dann brennt der Hut. Wir sehen täglich Familien mit vielen Kindern, die dringend Schutz brauchen. Die Vertriebenen sind unversichert, unversorgt und ungeschützt. Sie flüchten aus einem Land, in dem der Krieg unvermindert weitergeht, in dem Bomben fallen, Infrastruktur zerstört wird, Menschen sterben. Es braucht dringend eine Lösung", sagt Georg Eichberger, Leiter für Asyl und Integration der Caritas Steiermark. „Helfen Sie diesen Menschen", so sein Appell an den Bund.
Die Stadt Graz fordert dringend eine bundesweite strukturelle Lösung. Gespräche mit dem Land waren bisher erfolglos. Die Bürgermeisterin wird an den Städtebund und schriftlich an das Innenministerium herantreten.
Quelle: Stadt Graz