Wien: Stadt Wien präsentiert Entwurf für das Denkmal für die Männer und Frauen, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden

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Foto: PID/Kromus
01 Jul 20:26 2020 von Redaktion Salzburg Print This Article

Der britische Künstler Marc Quinn gewinnt mit seinem Entwurf den künstlerischen Wettbewerb für das Denkmal im Resselpark

Am Mittwoch wurde der Siegerentwurf für das Denkmal für die Männer und Frauen, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden, im Wiener Resselpark präsentiert. Der britische Künstler Marc Quinn ging mit seinem Entwurf aus dem von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen (WASt) und der Kunst im öffentlichen Raum Wien GmbH (KÖR) ausgelobten künstlerischen Wettbewerb als Gewinner hervor. Eine 16-köpfige Jury unter dem Vorsitz von Hannes Sulzenbacher (Zentrum QWIEN) hat das Projekt des Briten, der u.a. für die Skulptur Alison Lapper Pregnant verantwortlich zeichnet, ausgewählt. Dem Wettbewerb ging ein großangelegter Beteiligungsprozess und fachlicher Diskurs unter breiter Beteiligung der LGBTIQ-Community, Gedenk- und Kunst-Communities voraus.

Sichtbarkeit für eine Opfergruppe, die viel zu lange unsichtbar war

„Ich freue mich, dass wir heute den Siegerentwurf für das Denkmal für die Frauen und Männer, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden, präsentieren können. Es war mir von Beginn an ein großes Anliegen, dass wir dieses historisch so wichtige Denkmal im Dialog und mit breiter Beteiligung der Communities umsetzen. Wir schaffen mit dem Denkmal Sichtbarkeit für eine Opfergruppe, die viel zu lange unsichtbar war. Es ermöglicht ein würdevolles Erinnern und mahnt uns davor, das dunkelste Kapitel unserer Geschichte nicht mehr zu wiederholen“, betont Antidiskriminierungs-Stadtrat Jürgen Czernohorszky. „Ich möchte mich bei allen Beteiligten bedanken, insbesondere bei KÖR und WASt, die dieses Projekt seit vielen Jahren beharrlich weiterverfolgt und umgesetzt haben.“

„Ein permanentes Denkmal für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus ist ein wichtiges und notwendiges Zeichen der Anerkennung und Würdigung im öffentlichen Raum. Der Siegerentwurf, den wir heute gemeinsam präsentieren, ist der letzte Schritt auf dem Weg zur Realisierung. Das Denkmal symbolisiert auch die Absage an jegliche Form von Homophobie und erinnert daran, für Menschenrechte einzustehen, wenn sie in Gefahr sind“, unterstreicht Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. „Ich danke allen Künstlerinnen und Künstlern, die sich im Rahmen des Wettbewerbs mit diesem wichtigen Thema auseinandergesetzt und künstlerisch umgesetzt haben“.

„Viel zu lange waren die Opfer der Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit unsichtbar. Nach vielen Jahren temporärer Projekte schafft nun das permanente Denkmal die historisch notwendige Sichtbarkeit und Erinnerung an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte", so Gemeinderat Peter Kraus von den Grünen Wien. „Gedenken und Erinnern heißt immer auch Mahnen für unsere gemeinsame Gegenwart und Zukunft. Diesen Anspruch greift auch die Skulptur von Marc Quinn auf und setzt damit ein starkes Zeichen gegen Gewalt, Hass und Homophobie.“

Begründung der Jury

„Laut der 2020 veröffentlichten Studie „A long way to go for LGBTI equality. Sex, sexual orientation and gender“ der Europäischen Grundrechteagentur FRA vermeiden 86 % der gleichgeschlechtlichen Paare in Europa aus Angst vor Beleidigung, Bedrohung und Gewalt, im öffentlichen Raum Hand in Hand zu gehen. In Österreich vermeiden dies 78 %.

Marc Quinns Skulptur bildet den Moment einfachster und elementarster zwischenmenschlicher Berührungen ab. Sein Entwurf zeigt zwei Paare zärtlich aufeinander liegender Hände - einerseits von zwei Männern, andererseits von zwei Frauen. Diese Händepaare scheinen an den Handgelenken wie abgehackt und vermitteln dadurch größte Brutalität im Augenblick liebevoller Berührung. Der Entwurf reflektiert diese Ambivalenz in ästhetischer Klarheit und beeindruckt sowohl auf intellektueller wie auch auf emotionaler Ebene. Durch die verspiegelten Schnittflächen der Handgelenke und der Tischplatte wird der/die Betrachter/in Teil des Kunstwerks und kommt nicht umhin, sich mit den dargestellten Thematiken der gleichgeschlechtlichen Liebe und ihrer Verfolgung auseinander zu setzen. Diese klare Ikonographie überzeugte die Jury, Quinns Skulptur zum Siegerentwurf des Wettbewerbs Denkmal für die Männer und Frauen, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden zu wählen“, so Juryvorsitzender Hannes Sulzenbacher.

„Der berührende Denkmalentwurf erinnert eindrucksvoll an die brutale Verfolgung und Ermordung von homosexuellen Menschen durch das NS-Regime. Diese Erinnerung an die Verbrechen der Nazis ist eine Mahnung, jedweder Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, auch in der Gegenwart entschieden entgegenzutreten: In Wien, in Österreich und in ganz Europa und der Welt“, sagt die Bezirksvorsteherin des 4. Bezirks, Lea Halbwidl.

„Obwohl in den Jahren des Nationalsozialismus so viele Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung unerbittlich verfolgt wurden, hat sich nur ein einziger an den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus gewendet, um die Anerkennung als Opfer zu erfahren. Man kann die Gründe dafür nur vermuten: Eine Generation, für die Outing keine Option war. Zu viel Angst, zu viel Ächtung, immer noch, bis heute. Das Denkmal ist eine späte symbolische Anerkennung – gewidmet den vielen oft namenlos bleibenden Opfern. Es setzt der Härte und Grausamkeit der Verfolgung eine stille und zarte Geste entgegen. Die einander liebkosenden und behütenden Hände sind Ausdruck einer Menschlichkeit, die damals verboten war. Doch nicht ihre Liebe war „wider die Natur“, sondern die Brutalität derer, die sie verfolgten. Mit dem Denkmal schafft Marc Quinn einen ikonischen lieux de mémoire für diese Liebe, die nicht vergessen wird, sondern in der Erinnerung triumphiert: Omnia vincit amor“, so Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Auslobung des Wettbewerbs

2017 organisierte die WASt gemeinsam mit der KÖR einen breiten Beteiligungsprozess in Form zweier Open Spaces, um die Anforderungen und Details für die Wettbewerbsauslobung gemeinsam mit VertreterInnen der LGBTIQ-, Kunst- und Gedenk-Communities zu erarbeiten. Im selben Jahr vergab die WASt an das Zentrum für queere Geschichte QWIEN den Auftrag zur Erstellung einer Studie zur NS-Verfolgung von LGBTIQ-Personen als weitere Grundlage für die Auslobung eines Wettbewerbs für ein Denkmal.

Anfang 2020 lobten die KÖR und die WASt einen einstufigen, geladenen künstlerischen Realisierungswettbewerb zur Erlangung eines Entwurfs für das „Denkmal für Männer und Frauen, die Opfer der Homosexuellen-Verfolgung in der NS-Zeit wurden“ im Wiener Resselpark in 1040 Wien aus, das von der Stadt Wien errichtet und erhalten wird. Das Wettbewerbsverfahren wurde für acht geladene TeilnehmerInnen ausgeschrieben und durchgeführt. Zum Wettbewerb eingeladen waren: Gelitin/Gelatin, Matthias Herrmann, Martin Pfeifle, Jakob Lena Knebl, Stephen Prina, Susanne Lorenz, Every Ocean Hughes (EOH) und Marc Quinn. JedeR TeilnehmerIn oder Arbeitsgemeinschaft war berechtigt, nur einen Wettbewerbsbeitrag einzureichen.

Von den acht eingeladenen WettbewerbsteilnehmerInnen reichten sieben einen Entwurf ein. In der Jurysitzung am 29. Juni 2020 wurde schließlich der Entwurf von Marc Quinn zum Siegerprojekt gekürt. Alle weiteren Einreichungen können ab sofort auf der Homepage der WASt (www.queer.wien.gv.at) eingesehen werden.

Die Wettbewerbs-Jury

Die Jury bzw. das Beurteilungsgremium setzte sich zusammen aus den stimmberechtigten Mitgliedern Julian Göthe (Künstler), Doris Haidvogl (Landschaftsplanerin), Lea Halbwidl (Bezirksvorsteherin Wieden), Franz Kobermaier (MA 19 -Architektur und Stadtgestaltung), Doris Krüger (Künstlerin und ehemalige KÖR-Juryvorsitzende), Hannah H. Lessing (Nationalfonds der Republik Österreich), Cordula Loidl-Reisch (Landschaftsarchitektin), Hannes Sulzenbacher (Zentrum QWIEN), Ursula Schwarz (Stadt Wien Kultur, Referat Kulturelles Erbe), Corinna Tomberger (Kunst-und Sozialwissenschaftlerin) sowie aus einem nicht-stimmberechtigten, beratenden Sachbeirat, zusammen. Diesem gehörten neben zahlreichen Magistratsabteilungen auch Andreas Brunner (Zentrum QWIEN), Marty Huber (Türkis Rosa Lila Tipp), Peter Melichar (karlsplatz.org), Markus Steup (HOSI Wien), Martina Taig (KÖR GmbH), und Wolfgang Wilhelm (WASt) an, um die Jury mit spezifischer LGBTIQ- und Wiener Community-Fachkompetenz anzureichern und den intensiven Dialog mit der LGBTIQ-Community auch im Beurteilungsgremium fortzuführen.

Das Projekt wird von der Stadt Wien und dem Nationalfonds der Republik Österreich unterstützt und als Gesamtbudget stehen für den Wettbewerb und die Realisierung des Siegerentwurfs € 300.000 zur Verfügung.

Kurz-Biografie Marc Quinn

Marc Quinn (Brite, geb. 1964) ist einer der führenden Künstler seiner Generation. Seine Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen erforschen die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft, Mensch und Natur, menschlichem Körper und Wahrnehmung von Schönheit. Seine bekanntesten Werke sind Alison Lapper Pregnant, eine Statue von Alison Lapper, die 2007 auf dem vierten Pfeiler des Trafalgar Square stand, und self, eine Skulptur seines Kopfes aus seinem gefrorenen Blut sowie Garden (2000).



Quelle: Stadt Wien



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