Ludwig/Gaal - Gute Nachricht in schwierigen Zeiten - Wiener Werkbundsiedlung wird Europäisches Kulturerbe

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Adolf-Loos-Haus
Foto: PID/Votava Martin
05 Apr 05:00 2020 von Gerhard Repp Print This Article

Werkbundsiedlung, Architekturjuwel und Symbol für lebenswerten Wohnbau, wurde von Stadt generalsaniert

Inmitten der aktuellen Corona-Ausnahmesituation in der Stadt kam es zu einer hohen Auszeichnung für die Wiener Werkbundsiedlung: Die EU-Kommission hat dem Architekturjuwel im 13. Bezirk das "Europäischen Kulturerbe Siegel" verliehen. Die Siedlung in Wien bildet damit gemeinsam mit vier weiteren Werkbundsiedlungen in Deutschland, Polen und Tschechien eine länderübergreifende Kulturerbe-Stätte; die Werkbundsiedlung ist damit eine von insgesamt 48 Stätten in Europa, die derart ausgezeichnet ist.

"Die Stadt Wien hat vor rund zehn Jahren beschlossen, die Werkbundsiedlung einer Generalsanierung zu unterziehen. Diese Arbeiten sind mittlerweile weitestgehend abgeschlossen und die nun erfolgte Auszeichnung ist eine wunderbare Würdigung der Sanierung dieses architektonischen Gesamtkunstwerks. Die Werkbundsiedlung ist ein beeindruckendes Zeichen der fortschrittlichen Aufbruchsstimmung in der 1. Republik, an die wir heute in Wien nicht nur erinnern, sondern die wir mit unserer Wohnbaupolitik fortleben lassen", so Bürgermeister Michael Ludwig und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal.

Die Europäische Union zeichnet seit dem Jahr 2014 Stätten mit dem europäischen Kulturerbe-Siegel aus, die eine starke Symbolkraft für die gemeinsame Geschichte, Einigung und Identität Europas haben. Unter den bisher ausgezeichneten Stätten befinden sich beispielsweise die Akropolis in Athen, die große Synagoge in Budapest oder die Danziger Schiffswerft, wo in den 1980er Jahren die Gewerkschaft Solidarnosc gegründet wurde.

Europäische Werkbundsiedlungen 1927 bis 1932

Die Einreichung mit dem Titel „Europäische Werkbundsiedlungen 1927 bis 1932“ erfolgte unter der Leitung von Stuttgart und in Kooperation mit den Städten Brünn, Prag, Breslau und Zürich. In allen diesen Städten entstanden zwischen 1927 und 1932 Werkbundsiedlungen: Die Weissenhofsiedlung in Stuttgart (1927), die Siedlung Nový dum in Brünn (1928), die WuWA-Siedlung in Breslau (1929), die Siedlung Neubühl in Zürich (1931), die Siedlung Baba in Prag (1932) und die Werkbundsiedlung in Wien (1932).

Alle diese Mustersiedlungen wurden nach den humanistischen Idealen des modernen Wohnbaus errichtet und formulierten damit eine gebaute Alternative zu den beengten und unhygienischen Wohnverhältnissen der Gründerzeit, wo Gewinnstreben über die Lebensqualität der Menschen gestellt wurde. Der Geist der Werkbundsiedlungen entsprach damit der Grundphilosophie des Roten Wiens unter dem seinerzeitigen Bürgermeister Karl Seitz.

Die Verleihung des Siegels ist auch als Auftrag zu sehen für eine Auseinandersetzung mit der europäischen Idee des sozialen Wohnens: nämlich die Idee des leistbaren und lebenswerten Wohnbaus für alle zu pflegen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass diese Aufgabe auch heute wie damals von höchster Aktualität ist.

Internationale Bauausstellung Wien 2022

Vor diesem Hintergrund setzt sich die in Wien im Jahr 2022 stattfindende „Internationale Bauausstellung Wien“ (IBA_Wien) mit dem Motto „Neues soziales Wohnen“ auseinander. Dabei werden Innovationen und neue Kooperationen für zukunftsfähige Lösungen rund ums Thema Wohnen entwickelt. Einen Überblick über den aktuellen Stand dieser Arbeiten bietet die Ausstellung „Wie wohnen wir morgen?“, die planmäßig ab 8. September 2020 für die Dauer von sieben Wochen im ehemaligen Sophienspital vis-a-vis vom Westbahnhof zu sehen sein wird.

Aktivitäten des Netzwerks europäischer Werkbundsiedlungen

Um den Ansprüchen des „Europäischen Kultursiegels“ gerecht zu werden, wird das 2016 gegründete „Netzwerk europäischer Werkbundsiedlungen“ in den kommenden Jahren gemeinsame Aktivitäten durchführen und insbesondere jungen Menschen den Geist der Werkbundsiedlung näherbringen. Zu diesem Zweck soll in Kooperation mit Universitäten eine internationale Summer School abgehalten und die Website und der Audio-Guide neu aufgesetzt werden. Auch die Umsetzung einer gemeinsamen Ausstellung in Kooperationen mit dem Architekturzentrum, Führungen durch die Werkbundsiedlung, künstlerische Projekte und Social-Media Aktivitäten sind angedacht.

Die Wiener Werkbundsiedlungen

Seit seiner Gründung im Jahr 1912 fokussierte der österreichische Werkbund darauf, Qualität für die breite Masse leistbar zu machen. Dieser Aspekt war auch bei der Errichtung der Wiener Werkbundsiedlung wesentlich, die in den Jahren 1930-1932 unter dem Motto „Moderne Haustypen für künftige Siedlungsanlagen – Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ unter der Gesamtleitung von Josef Frank errichtet wurde.

Insgesamt waren 32 Architekten und eine Architektin - Margarete Schütte-Lihotzky – an der Errichtung der 70 Häuser beteiligt. Drei Architekten waren aus dem europäischen Ausland – Gerrit Rietveld aus Holland, Hugo Häring aus Deutschland und André Lurcat aus Frankreich – und auch der in Wien geborene Richard Neutra, der damals schon in den USA arbeitete, plante ein Gebäude.

Ebenso waren zahlreiche lokale Architekturgrößen wie Adolf Loos, Josef Hoffmann, Clemens Holzmeister, Oswald Haerdtl und Ernst Plischke an der Planung der Siedlung beteiligt.

Die Eröffnung der Siedlung fand im Sommer 1932 statt und anschließend wurde die Siedlung in nur acht Wochen von mehr als 100.000 Menschen besucht. Die 70 voll möblierten Einzelhäuser in freistehender, gekoppelter bzw. zeilenförmiger Bebauung konnten sowohl von Innen als auch von außen besichtigt werden.

Die Sanierung der Wiener Werkbundsiedlung

Nach einer europaweiten Ausschreibung arbeiten die WISEG Wiener Substanzerhaltungsg.m.b.H. & Co KG und die Praschl-Goodarzi Architekten ZT GmbH seit 2011 bis heute an der Generalsanierung der Werkbundsiedlung.

Eine erste Generalsanierung fand durch Architekten Krischanitz und Kapfinger von 1983-85 statt.

Die Sanierung von 48 Häusern hatte zum Hauptziel das Erscheinungsbild so nah wie möglich an den Zustand von 1932 anzugleichen und die vorhandene Originalsubstanz langfristig zu sichern. In enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Bundesdenkmalamt wurden die einzelnen Hauser in Etappen saniert.

Am Beginn der umfassenden Sanierung stand eine gründliche Befundung, die weit über den Standard einer gewöhnlichen Sanierung hinausging: in Form einer Analyse des Schadensbildes, einer Fotodokumentation, sowie einer kompletten Neuvermessung der Gebäude.

Mit dem Haus mitleben

Mittels mikroskopischer Untersuchung wurde das Material in allen historischen Schichten analysiert, um die originale Substanz und Farbigkeit zu ermitteln. Jedes Haus war im Einzelfall zu analysieren, daher wurde auch für jedes ein eigenes Sanierungskonzept erstellt.

Eine der größten Herausforderungen war es, den Standard von 1932 mit heutigen Normen, Vorschriften und Wohn-Gewohnheiten in Einklang zu bringen. Schließlich sollen die Häuser keine bewohnten Museen werden. „Die Bewohnbarkeit war die Grundidee von Architekt Josef Frank beim Konzept für die Werkbundsiedlung. Das heißt: man soll mit dem Haus mitleben dürfen", sagt Azita Praschl-Goodarzi.

Weiterführende Info zum Europäischen Kultursiegel:

Internetauftritt der Werkbundsiedlung:

https://www.werkbundsiedlung-wien.at

Allgemeine Infos auf der Website des Bundeskanzleramt:

https://www.bundeskanzleramt.gv.at/agenda/kunst-und-kultur/europa-und-internationales/initiativen-in-der-eu/europaeisches-kulturerbe-siegel.html

Übersichtskarte mit allen bisher ausgezeichneten Stätten:

http://geo.osnabrueck.de/ehl/EN/map

Bericht der Europäischen Kommission mit Beurteilung der Einreichungen aus 2019:

https://ec.europa.eu/programmes/creative-europe/sites/creative-europe/files/library/2019-selection-euheritagelabel-report.pdf


Quelle: Stadt Wien



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